In der letzten Gemeinderatssitzung vor der Sommerpause 2017 stand unter anderem auch der TOP „Benennung des Gadamerplatzes in der Bahnstadt“. Das Leben und Wirken des Philosophen, der erst nach dem Ende des Dritten Reiches 1949 nach Heidelberg kam, ist auch gekennzeichnet von den Auswirkungen des Nazireiches.

 

Am 11. November 1933 unterzeichnete Hans-Georg Gadamer (1900-2002) das Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat. 1934/35 vertrat er an der Universität Kiel den vakanten Lehrstuhl von Richard Kroner, der wegen seiner jüdischen Abstammung von der Lehrbefugnis suspendiert worden war. Im Oktober 1935 nahm Gadamer freiwillig am Dozentenlager des NS-Dozentenbundes (NSDDB) in Weichselmünde teil. Daraufhin wurde ihm 1937 in Marburg der Titel eines nichtbeamteten außerordentlichen Professors verliehen, der ihm zunächst verweigert worden war. Gadamer erhielt weiterhin die Vertretung des vakanten Lehrstuhls von Erich Frank an der Universität Marburg, dem ebenfalls wegen seiner jüdischen Abstammung die Lehrbefugnis entzogen worden war.

Zwei Jahre später erhielt Gadamer einen Ruf an die Universität Leipzig, wo er als Nachfolger Arnold Gehlens 1939 zum ordentlichen Professor und Direktor des Philosophischen Instituts der Universität Leipzig berufen wurde. Im August 1933 wurde Gadamer Mitglied des Nationalsozialistischen Lehrerbundes. Vom Sicherheitsdienst des Reichsführers SS wurde Gadamer in der weltanschaulichen Beurteilung innerhalb der „SD-Dossiers über Philosophie-Professoren“ aus SS-Sicht in seiner Haltung zum Nationalsozialismus als indifferent klassifiziert. Während der Zeit des Zweiten Weltkriegs war Gadamer Mitarbeiter am NS-Projekt „Kriegseinsatz der Geisteswissenschaften“.

 

Dieser gekürzte Text steht so im Internet, an seiner Richtigkeit besteht kein Zweifel, es handelt sich um bekannte Fakten, die vielfältig auch in Heidelberg bewertet wurden. Hans Georg Gadamer war eine große Persönlichkeit und ein großer Philosoph, er wurde mit vielen Ehrungen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Orden“ Pour le Mérite“ und dem großen Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland. Sein wissenschaftliches Werk ist von großer Bedeutung. Seine Biographie ist jedoch gekennzeichnet von der Anpassungsfähigkeit unendlich vieler seiner Zeitgenossen, die ihren Beruf ausüben wollten und versuchten, ihre Chancen zu nutzen. Es geht uns hier nicht um eine Diskriminierung eines großen Denkers, sondern um historische Fakten, die nach dem Untergang des Dritten Reiches oft auch bei andern Mitläufern hingenommen wurden. Der Beispiele gibt es viele, so war es auch mit Heidelberg und seinem damaligen Oberbürgermeister Neinhaus, so auch mit dem Chemiker Richard Kuhn.

 

„Ein wirklich historisches Denken muss die eigene Geschichtlichkeit mitdenken.“

 

Dieses Zitat stammt von Hans Georg Gadamer, und wir sind der Meinung, dass genau dies heute wichtig ist, wenn wir einen Heidelberger mit der Benennung eines Platzes ehren wollen. Zur Ehrung gehört auch die Ehrlichkeit, und diese verlangt nach unserer Meinung, dass wir auch die problematische Seite in Gadamers Wirken nicht unerwähnt lassen.
Nicht nur Hans-Georg Gadamer, auch andere Persönlichkeiten des früheren öffentlichen Lebens in Heidelberg weisen in ihrer Biographie Brüche auf, die im 3.Reich durch Anpassung und Opportunismus geprägt waren.

Die Diskussion im Gemeinderat hat ergeben, dass wir nachdenken müssen über eine angemessene Form der Erinnerung, die sich nicht auf Straßenschilder beschränkt, sondern begleitend neue z.B. digitale Formen der öffentlichen Dokumentation schaffen soll.